LEBENDIGES WASSER

GEDANKEN AM MEER

Immer wieder zieht es mich zum Wasser. Dem Element, aus dem wir alle bestehen. Ein verbündeter Freund, der mal reinigt, mal tröstet, kühlt, Energie und Freude schenkt. Wasser ist immer da. Und selbst wenn kein Fluss, Meer oder See da ist, Wasser ist immer. In unserem Atem, als Wolke, Regen oder Dampf. Wasser umfasst die Erde und entscheidet darüber, wieviel Land es uns lässt.

Wie sind Narren, wenn wir glauben, dass wir diese brachiale Gewalt auch nur annähernd beherrschen. Jeglicher Tsunami der Geschichte lehrt uns Besseres. Aber statt die Naturgewalten als eine Bedrohung zu verstehen, nehmen wir sie doch als Wegweiser. Denn wie oft sind ganze Ortschaften so nah am Wasser gebaut, dass viel Energie und Mühe darauf verwendet werden muss, den potentiellen Gefahren standzuhalten. Anstelle weiterzuziehen und ein geeigneteres Plätzchen zu finden.

Wir Menschen halten viel zu sehr fest. Bleiben dort, wo wir immer schon waren, wo vielleicht unsere Vorfahren schon waren und wo vermeintlich alles schon aufgebaut und eingerichtet ist.

Es fehlt so oft der Mut, die Bereitschaft, ja manchmal sogar das Bewusstsein darüber, weiterzuziehen, neue Orte zu besuchen, neue Lösungen zu finden.

Wir bleiben wo wir sind. Beharrlich.

Und jammern, wenn der Sturm uns wieder die Keller nass gemacht hat. Manche Menschen mögen das. Mögen den Prozess der Flut und ihre Keller wieder ausschöpfen. Sie sind sich bewusst, dass sie dies womöglich Jahr ein, Jahr aus wiederholen müssen. Aber zumindest sind sie sich dessen bewusst, haben es angenommen und als Teil ihres Daseins akzeptiert.

Wieviele aber schimpfen auf ihr Schicksal, obwohl sie verharren, und all ihre Schläge sich permanent wiederholen? Warum sind wir so oft nicht bereit hinzuhören? Warum bleiben wir stur stehen, verdecken Augen und Ohren und brüllen unser Leid in die Welt, die wir dafür verantwortlich machen?

Das Leben ist genauso wenig planbar oder beherrschbar wie ein Ozean. Und auch der Ozean will uns nicht ärgern, er zeigt uns lediglich unsere Grenzen und lädt uns ein, uns weiterzubewegen. Betrachten wir das auf diese Weise, so ist der Ozean unser Freund. Genau wie unser Leben. Es will uns oftmals gar nicht ärgern. Es zeigt uns nur die Dinge auf, die bewegt werden möchten. Und fordert uns auf, diese und uns zu bewegen.

Das Leben ist ein Fluss. Ein lebendiger Fluss, und genau darin liegt seine Schönheit. Dass es uns immer wieder weiterführt, wachsend von der Quelle bis zum Ozean. Welcher Verlust es für den Ozean wäre, wenn das Wasser einfach stocken würde. Aber das kann es nicht. Fließt es nicht als Fluss weiter zu seiner Bestimmung, findet es einen anderen Weg. Über die Erde, über die Wolken oder worüber auch immer.

So ist das Leben auch. Es führt uns über kurz oder lang zu unserer Bestimmung. Vielleicht auf Umwegen, über Stolpersteine, Stürme, Ebben und Fluten. Aber es lenkt und führt uns.

Denken wir doch daran, wenn wir das nächste Mal über unser Leben schimpfen. Vielleicht magst Du ja stattdessen Dein Leben als Verbündeten und Freund anerkennen, und auf die vielen Hinweise, die es Dir gibt ein wenig hören.

Aus: „Gedanken am Meer“, Januar 2018